„Das Duo Frank Lunte und Tatjana Blome gründete sich ... mit dem Vorhaben, Original-Kompositionen für Saxophon und Klavier aus Berlin einzuspielen und aufzuführen.“
Diese sachlich-nüchterne Formulierung aus einem Antrag an die GEMA-Stiftung aus dem Jahr 2001 steht am Beginn einer mittlerweile sechs CDs umfassenden Dokumentation mit Musik einer vergessenen und verdrängten Epoche deutscher Musikgeschichte. Angeregt durch den Geiger, Pianisten und Musikwissenschaftler Prof. Kolja Lessing recherchierten Frank Lunte und Tatjana Blome zunächst Original-Literatur für Altsaxophon und Klavier aus dem Berlin der 1930er Jahre, der kurzen Blütezeit des klassischen Saxophons in Deutschland – entfaltet durch die beiden Saxophon-Pioniere Gustav Bumcke und Sigurd Rascher.
Beglückt über die Entdeckung zahlreicher musikalischer Schätze dieser schillernden Ära, bewegt von den Biographien der Komponisten, befremdet über das Verdikt ‚entartet‘ – mit dem sowohl viele Tonsetzer als auch das Saxophon selbst belegt waren – begab sich das Duo auf weitere Spurensuche. Die Nachkriegsjahre, die Phase der deutschen Teilung und die aktuelle Musikszene Berlins standen im Fokus der Nachforschungen und förderten zahlreiche Werke zutage.
In Kooperation mit verschiedenen Rundfunkanstalten produzierten Frank Lunte und Tatjana Blome vier CDs. Das Label EDA EDITION ABSEITS, bekannt und geschätzt für exzellente Dokumentationen über Musik des frühen 20. Jahrhunderts, veröffentlichte die von der Fachpresse durchgehend positiv bewertete Anthologie. Mit dieser CD-Reihe liegt erstmals ein repräsentativer Querschnitt mit Musik für die Kammermusikgattung Altsaxophon und Klavier vor, die in Berlin und Deutschland komponiert wurde. Die Sammlung enthält 22 zentrale Werke auf vier Tonträgern und bietet umfassende Texte zu Werken und Komponisten, zum Saxophon im Nationalsozialismus und zum musikhistorischen Umfeld. ‚Musik für Saxophon aus Berlin Vol. 1 und Vol. 2‘ wurden von der GEMA-Stiftung München gefördert.
Das renommierte Label DEUTSCHE GRAMMOPHON/UNIVERSAL, durch die profilierte CD-Reihe des Duos aufmerksam geworden, verpflichtete Tatjana Blome und Frank Lunte als Solisten für Instrumental-Konzerte aus den frühen 1930er Jahren. In der DG-Reihe ‚Club 100‘ erschienen das Konzert für Klavier, Klarinette und Streichorchester von Gerhard Frommel und das Saxophonkonzert von Lars-Erik Larsson. Beide CDs entstanden mit der Kammersymphonie Berlin unter der Leitung ihres Chefdirigenten Jürgen Bruns.
Ausführliche Informationen zu den EDA-Produktionen finden Sie in der Schaltfläche „CD-Programm und Booklet-Text“
In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann eine kompositorische Auseinandersetzung mit dem Saxophon als klassisches Instrument, wobei die Gattung Altsaxophon und Klavier in besonderer Weise geschätzt wurde. Die CDs Musik für Saxophon aus Berlin Vol. 1 und Vol. 2 dokumentieren einen Teil der stattlichen Zahl von Werken, die von 1930 bis 1938 entstanden sind – einige noch in Berlin, andere bereits im Exil, in das sich viele Komponisten nach 1933 retten mussten. Auch die kurze Blütezeit des klassischen Saxophons in Berlin – entfaltet durch die beiden Saxophon-Pioniere Gustav Bumcke und Sigurd Rascher – endete mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die das Saxophon als „entartet“ einstuften und ihm somit die Grundlage einer weiteren Entwicklung als klassisches Instrument in Deutschland entzogen.
Die in der Nachkriegszeit anhaltende Stigmatisierung des Saxophons sowie die Dogmen und Verdikte der Nachkriegsmoderne werden in Musik für Saxophon aus Deutschland thematisiert. Das Gros der Avantgardisten mied „das verdächtige Saxophon“ – tonal und freitonal schreibende Komponisten hingegen setzten sich mit dem Instrument auseinander und pflegten die bewährte Gattung Altsaxophon und Klavier. Die CD präsentiert Werke aus den Jahren 1952 bis 1969.
Jäh unterbrochen durch Repression und Krieg wandten sich – im geteilten Berlin – erst in den 1980er Jahren wieder Interpreten und Komponisten dem Klassischen Saxophon zu. Musik für Saxophon aus Berlin Vol. 3 widmet sich der Musik von 1982 bis 2004. Der zeitlich empfindliche Abstand eines halben Jahrhunderts zu den Werken der 1930er Jahre ist substantiell spürbar – die Jahre der radikalen musikalischen Brüche nach dem Zweiten Weltkrieg liegen unmissverständlich dazwischen. Neue und experimentelle Spieltechniken für beide Instrumente prägen das Kolorit dieser Aufnahmen.
Gerhard Frommel, 1906 geboren und den Werken des gleichaltrigen Dmitri Shostakovich bewundernd gegenüberstehend, schrieb wie sein berühmter Kollege ein für die 1930er Jahre typisch innovatives Klavierkonzert: dem Solo-Instrument wird ein obligates Blasinstrument zur Seite gestellt. Shostakovich wählt die Trompete, Frommel die Klarinette. Beide in den frühen 1930er Jahren komponierten Werke sind Teile der Reihe Club 100 des Labels Deutsche Grammophon/Universal, die sich Komponisten des 20. Jahrhunderts anlässlich ihres 100 Geburtstags widmet. Die ebenfalls gleichaltrigen Kurt Hessenberg, Lars-Erik Larsson und Olivier Messiaen werden in der Ausgabe 1908 geehrt. Der Schwede Larsson schrieb 1934 für den nach Skandinavien emigrierten Virtuosen Sigurd Rascher sein neoklassizistisch geprägtes Konzert für Saxophon und Streichorchester. |